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Deutsche Rechtschreibung: keine „Reform“ auf dieser Seite!   heute: Mittwoch, 21.02.2024

 

Sprachpolitik

Deutsche Rechtschreibung: keine „Reform“ auf dieser Seite!

Februar 2024. Seit rund 16 Jahren ist der deutsche Kulturraum von der neuen deutschen Rechtschreibung besetzt. Der ganze Kulturraum? Nein! Ein kleines Häufchen von Redakteuren, Buchautoren und Internet-Seitenmachern hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten. – Eine ewiggestrige Wortmeldung aus dem Lager der Besiegten.
Februar 2024. Seit rund 16 Jah­ren ist der deut­sche Kul­tur­raum von der neu­en deut­schen Recht­schrei­bung be­setzt. Der gan­ze Kul­tur­raum? Nein! Ein klei­nes Häuf­chen von Re­dak­teu­ren, Buch­au­to­ren und In­ter­net-Sei­ten­ma­chern hört nicht auf, dem Ein­dring­ling Wi­der­stand zu lei­sten. – Ei­ne ewig­ge­stri­ge Wort­mel­dung aus dem La­ger der Be­sieg­ten.

"Daß" oder "dass"? Alte oder neue Rechtschreibung? Diese Frage stellt sich für jeden Schreiber, der einen Text in die Öffentlichkeit stellen will, spätestens seitdem die politisch befohlene Reform 2006 in Kraft getreten ist. Die meisten beruflich Schreibenden waren sich damals darüber einig, daß unsere Rechtschreibregeln keine Reform gebraucht hätten und daß die Art, wie sie zustande kam, einen Skandal darstellte. Sogar von den Flaggschiffen der heutigen Lügenpresse, die man damals noch "Nachrichtenmagazin" oder "Zeitung für Deutschland" nannte, kam Protest. Der "Spiegel" versprach, für ihn bleibe es bei den alten Regeln. Das Versprechen wurde für ein paar Monate gehalten, dann knickte man ein, ohne das an die große Glocke zu hängen. Laut allen Umfragen vom deutschsprachigen Volk mit überwältigender Mehrheit damals abgelehnt, wurde die "Reform" von deutschen, österreichischen und schweizerischen Politikern durchgepaukt, ohne dieses Volk jemals abstimmen zu lassen oder sonstwie einzubeziehen. Und heute? Erinnert sich überhaupt noch jemand an unsere kollektive Vergewaltigung?

Wir sind durch den zehnjährigen "Reformprozeß" (1996 - 2006), in dem neue Regeln verordnet, wieder aufgehoben, verändert und erneut für gültig erklärt wurden, orthographisch in die frühe Neuzeit zurückgefallen. Denn eine verbindliche Rechtschreibung, die erst 1901 endgültig geschaffen worden war, gibt es seither nicht mehr. In vielen Fällen darf man sich ganz offiziell eine von mehreren Schreibvarianten aus dem Wörterbuch heraussuchen. Kommata brauchen auch da, wo sie einen Satz sinnvoll strukturieren würden, oft nicht mehr gesetzt zu werden. De facto bedeuten solche Unverbindlichkeiten, die meisten Schreiber richten sich nun weder ganz nach den neuen, noch konsequent nach den alten Regeln, sondern schreiben einfach so, wie sie es persönlich für richtig halten. Das mag bei manchen Lesern, die noch dem veralteten Glauben anhängen, es sollte im Interesse allgemeiner Verständlichkeit eine einheitliche Rechtschreibung geben, zu Verwunderung führen.

So wird sich mancher Besucher dieser Kulturseite über veraltete Schreibweisen wundern, sie gar für falsch halten. Einmal in die Welt gesetzt, haben sich einige Bestandteile der Reform auch in den Köpfen von Lesern festgesetzt, die sie zunächst abgelehnt haben und die neuen Regeln ansonsten ignorieren. Gerade die auffälligste von allen Veränderungen, die häufige Ersetzung von ß durch Doppel-s, ist auch bei manchem prinzipiellen Reformgegner eingerissen. Nicht, weil es irgendwie sinnvoll oder "leichter" wäre, das "Schloß" nun mit ss zu schreiben, sondern wohl eher, weil das alte ß für unmodern, für reaktionär oder sonstwie "uncool" gehalten werden könnte. Und bei manchen Schreibern liegt, obwohl das Ergebnis dasselbe ist, die Motivation etwas anders: Als einzigen Tribut an die neue Rechtschreibung dort, wo sie es vorsieht, ss anstelle von ß zu schreiben, soll Kompromißbereitschaft und Lernfähigkeit signalisieren. Auch die konservativsten Freunde des ß unter uns müssen zugeben: Anders als der Kahlschlag bei den Kommaregeln vielfach, bedeutet es immerhin keine Sinnentstellung, das "Schloß" mit Doppel-s zu schreiben.

Kurz und gut: Wir halten die Stellung. Hier im "Kulturpark" gelten weiter die alte Rechtschreibung und – noch viel wichtiger! – die alten Zeichensetzungsregeln. In Zweifelsfällen kommt der gute alte, vom Großvater ererbte Duden aus dem Jahr 1929 zum Einsatz.

B.G. Niebuhr