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Wie Karl der Große mit dem „Heiligen Römischen Reich“ das finstere Mittelalter begründete   heute: Mittwoch, 21.02.2024

Frühmittelalter:  Vom Beginn einer unheiligen Allianz

Wie Karl der Große mit dem „Heiligen Römischen Reich“ das finstere Mittelalter begründete

Wenn es tatsächlich das Grab Karls des Großen war, in dem man das Skelett eines Hünen von knapp zwei Metern fand, dann wäre sein Beiname immerhin in einer Hinsicht berechtigt. Der „Große“ wurde er aber wohl eher genannt, weil er ein brachialer Machtpoltiker war, der sein ererbtes Imperium nochmals ordentlich vergrößerte. Kriegsfürsten wie der Makedone Alexander, der Preuße Friedrich II. oder der römische Kaiser Konstantin werden gerne mal als „Große“ betitelt. „Charlemagne“ wird Karl ganz selbstverständlich auch in Frankreich genannt, gleichzeitig als König von Frankreich in Anspruch genommen, obwohl er dort eindeutig ein germanischer Fremdherrscher war. Nicht nur über Frankreich und Deutschland, sondern über mindestens fünf weitere Länder der heutigen Europäischen Union erstreckte sich seine Herrschaft, deshalb gilt er manchen als „Vater Europas“. Tatsächlich war er der erste christliche König, der nach dem Ende des Römerreichs weite Teile der römischen Erbmasse vereinigte. Daß es sich um eine gewaltsame Zwangsvereinigung handelte, müssen die Stifter des „Karlspreises“ übersehen haben.



Abbildung: Die ost­ger­ma­ni­schen Nach­fol­ge­staa­ten des west­rö­mi­schen Rei­ches um 526
Das alte Römische Reich war im Jahre 476 n.Chr. sang- und klanglos untergegangen. Wir kennen die immer wieder angeführten, fast schon rituell heruntergebeteten Gründe: geographische Überdehnung, innere Dekadenz, kultureller Verfall, Überfälle der Germanen, die rechtzeitig zu besiegen man versäumt hatte. Und Attila, der Hunnenkönig, natürlich. Alles richtig, und alles hängt auch miteinander zusammen. Der wichtigste Grund, der entscheidende Faktor innerer Schwächung wird allerdings eher selten genannt: die destruktive Macht der Religion (Näheres hierzu: Rolf Bergmeier, „Schatten über Europa – Der Untergang der antiken Kultur“, 2012/17). Die Christianisierung der Römer war bereits in vollem Gange, an der Spitze (Kaiser Konstantin der Große und folgende) bereits durchgesetzt, als die Germanen, angezogen von der römischen Kultur und bedrängt von den Hunnen, bedrohlich im Römischen Reich auftauchten. Die wandernden Völker der Goten, Burgunder, Wandalen, Sueven, später noch die Langobarden, erkannten die Überlegenheit römischer Bildung und Lebensart durchaus an. Sie waren begierig, zu lernen und Verbündete der Römer zu werden. Ihre „Integrationsfähigkeit“, um einen modernen Ausdruck zu gebrauchen, zeigt sich vor allem darin, wie sie quasi als Nachlaßverwalter in den zusammengebrochenen römischen Provinzen ihre spätantiken Reiche aufbauten und dabei die römische Verwaltung fortführten: Die Westgoten zuerst in Frankreich, dann in Spanien, die Wandalen in Nordafrika, die Sueven in Portugal, die Ostgoten und Langobarden in Italien.

Das al­te Rö­mi­sche Reich war im Jah­re 476 n.Chr. sang- und klang­los un­terge­gan­gen. Wir ken­nen die im­mer wie­der an­ge­führ­ten, fast schon ri­tuell her­un­ter­ge­be­te­ten Grün­de: geo­gra­phi­sche Über­deh­nung, in­ne­re De­ka­denz, kul­tu­rel­ler Ver­fall, Über­fäl­le der Ger­ma­nen, die recht­zei­tig zu be­sie­gen man ver­säumt hat­te. Und At­ti­la, der Hun­nen­kö­nig, na­tür­lich. Al­les rich­tig, und al­les hängt auch mit­ein­an­der zu­sam­men. Der wich­tig­ste Grund, der ent­schei­den­de Fak­tor in­ne­rer Schwä­chung wird al­ler­dings eher sel­ten ge­nannt: die de­struk­ti­ve Macht der Re­li­gi­on (Nä­he­res hier­zu: Rolf Berg­meier, „Schat­ten über Eu­ro­pa – Der Un­ter­gang der an­tik­en Kul­tur“, 2012/17). Die Chri­stia­ni­sie­rung der Rö­mer war be­reits in vol­lem Gan­ge, an der Spit­ze (Kai­ser Kon­stan­tin der Gro­ße und fol­gen­de) be­reits durch­ge­setzt, als die Ger­ma­nen, an­ge­zo­gen von der rö­mi­schen Kul­tur und be­drängt von den Hun­nen, be­droh­lich im Rö­mi­schen Reich auf­tauch­ten. Die wan­dern­den Völ­ker der Go­ten, Bur­gun­der, Wan­da­len, Sue­ven, spä­ter noch die Lan­go­bar­den, er­kann­ten die Über­le­gen­heit rö­mi­scher Bil­dung und Le­bens­art durch­aus an. Sie wa­ren be­gie­rig, zu ler­nen und Ver­bün­de­te der Rö­mer zu wer­den. Ih­re „In­te­gra­tionsfä­hig­keit“, um ei­nen mo­der­nen Aus­druck zu ge­brau­chen, zeigt sich vor al­lem da­rin, wie sie qua­si als Nach­laß­ver­wal­ter in den zu­sam­men­ge­bro­che­nen rö­mi­schen Pro­vin­zen ih­re spät­an­ti­ken Rei­che auf­bau­ten und da­bei die rö­mi­sche Ver­wal­tung fort­führ­ten: Die West­go­ten zu­erst in Frank­reich, dann in Spa­nien, die Wan­da­len in Nord­af­ri­ka, die Sue­ven in Por­tu­gal, die Ost­go­ten und Lan­go­bar­den in Ita­lien.

Dabei nahmen sie sich nicht nur der römischen Kultur und Sprache an, sondern fingen sich auch den giftigen orientalischen Virus ein, von dem die Römer als erste Europäer befallen waren, das Christentum. Als die Goten anfingen, sich mit den Römern kulturell auszutauschen, war im byzantinischen Osten gerade der Arianismus en vogue (nach dem griechischen Priester Arius aus Alexandria). Das war eine halbwegs „sinnvolle“ Spielart des Christentums, der auch Kaiser Konstantin zugeneigt war. Sie besagt, daß Gott und sein „Sohn“ keineswegs ein und dasselbe sind, daß die Existenz von Jesus zweifelhaft sei, und der „heilige Geist“ ist ganz gestrichen. Soweit man sich überhaupt vorstellen möchte, es könnte einen Gott geben – oder mehrere – , ist das sicherlich eine logischere, auch besser zum behaupteten Monotheismus passende Sichtweise als die unverständliche Dreifaltigkeitslehre, wie sie die Kirchen bis heute vertreten.

So sah das auch der westgotische Bischof Wulfila, und seine gotische Bibelübersetzung, die auch allen anderen Ostgermanen das Christentum nahebrachte, setzte diese also auf das Gleis der arianischen Glaubensrichtung. Die christliche Lehre in Rom und Konstantinopel distanzierte sich bald von dem, was den germanischen Neuchristen eben noch beigebracht worden war. Damit brachte sie die Arianer in Gegensatz zur römischen Staatsreligion, die ja den „katholischen“ Anspruch reklamierte, allumfassend, alleinseligmachend zu sein. Alle anderen religiösen Meinungen mußten bekämpft und ausgelöscht werden. Nicht nur die altrömischen Bildungsideale, die Wissenschaft, der gesamte Kernbestand der antiken Kultur mußten abgeräumt werden, denn sie waren ja mit dem „Heidentum“ verbunden. Die „Falschgläubigkeit“ der Häretiker lieferte den Vorwand, die arianisch-christlichen Staaten der Wandalen, Ost- und Westgoten zu vernichten, Afrika, Italien und möglichst auch Spanien unter die Kontrolle des Kaisers von Konstantinopel zu bringen.



Abbildung: Kai­serkrö­nung des Jah­res 800 – Karl der Gro­ße und Papst Leo III.(aus ei­ner Hand­schrift des 9. Jahr­hun­derts)

In Italien, wo die Byzantiner zwar die Ostgoten, aber nicht die Langobarden erledigen konnten, und besonders in Deutschland kümmerten sich die Franken darum, daß die einzig mögliche, die universelle theologische Wahrheit durchgesetzt wurde. Sie waren verspätet christlich geworden (erst um 500), dafür von Anfang an „rechtgläubige“ Katholiken. Karl der Große ließ so lange heidnische Sachsen und arianische Langobarden abschlachten, bis niemand mehr wagte, die Macht Jesu und des heiligen Geistes zu bezweifeln. Zum Dank für diese allerchristlichsten Heldentaten und auch dafür natürlich, daß er dem Bischof von Rom, Leo III., buchstäblich die Haut rettete, wurde Karl von diesem zum neuen römischen Kaiser gekrönt. Seit 324 Jahren hatte es keinen Kaiser mehr gegeben, und sogar schon ein wenig vor dem damaligen Untergang hatten die römischen Bischöfe angefangen, sich selber „Papst“ zu nennen. Papa, das ist der Vater, der gute Hirte, der seiner Schafherde sagt, welcher Gott der richtige ist, in wie vielen Wesenheiten er auftritt und wie ihm korrekt zu huldigen sei. Um ganz sicher zu gehen, daß auch hartnäckige Jupiter- oder Arianismus-Anhänger seine Wichtigkeit verstanden, nannte sich der Papst auch „Pontifex maximus“. Die Stellung des „Hohepriesters“ der antiken Götter hatte zum Beispiel Julius Caesar vor langer Zeit einmal bekleidet. Auch als Diktator behielt er sie bei, und so ging die priesterliche Autorität nach ihm auf die Kaiser über. Religionen und Regierungssysteme wechseln, aber die Personalstruktur bleibt bestehen.

Alle römischen Kaiser hatten 500 Jahre lang den Titel „Pontifex maximus“ geführt. Sie waren also nicht nur weltliche, sondern außerdem „geistliche“ Alleinherrscher. Beides war untrennbar verbunden gewesen. Und nun, da es seit langem in Rom keinen Kaiser mehr gab, wohl aber in Konstantinopel, war dieses Doppelamt eigentlich in den Osten abgewandert, ins byzantinische Kaiserreich, in die griechische Orthodoxie. Der Bischof von Rom beanspruchte, indem er sich „Papa“ und „Pontifex“ nannte, in beiderlei Hinsicht, der Herr der Christenheit zu sein, mindestens der westlichen Hälfte. Enthielt der pompöse Titel doch nicht nur die Behauptung, Stellvertreter Gottes auf Erden, sondern auch noch Platzhalter des Kaisers zu sein, den es eben in Rom nicht mehr gab. Das war eine Anmaßung, denn tatsächlich hatte nicht nur Leo III. persönlich, sondern das Papsttum insgesamt ein paar Probleme mit der praktischen Seite der Macht. Sie beschränkte sich nämlich, wenn man sich nicht gerade vor den eigenen Bürgern in einem Kloster verstecken und von dort auf starken fränkischen Schultern in sichere Deutschland evakuieren lassen mußte, auf das Stadtgebiet von Rom. Fast niemand in Europa, außer den damals schon bigotten Iren, hörte auf den machtlosen Mann in Rom. Das gotische Spanien war frisch von den Moslems überrollt (711), Britannien wurde gerade von den Wikingern aufgerauht (seit 793), die sich noch Jahrhunderte gegen das Christentum stemmen würden. Dasselbe taten fast alle slawischen Völker. Wenn ausländische Potentaten sich überhaupt etwas sagen ließen, dann vom richtigen Kaiser, dem in Konstantinopel. Und in der Nordhälfte Italiens herrschten die christlich gewordenen, doch immer noch „barbarischen“ Langobarden.



Abbildung: lan­go­bar­di­sche „Ei­ser­ne Kro­ne“ (8. Jahr­hun­dert)

Nur die Franken – oder besser gesagt: die mörderische Sippschaft unseres eben schon angesprochenen Karls – zeigten sich als brave Katholiken. Karls Vater Pippin der Kurze, seinerseits Sohn des Moslembezwingers Karl Martell, hatte sich soeben an die Macht geputscht, nicht ohne den Bischof von Rom um Erlaubnis zu bitten. Er nahm Frankreich und die Teile Deutschlands, die bereits unter fränkisch-christliche Herrschaft gezwungen waren, in familiären Privatbesitz und gedachte eigentlich, das schöne Stückchen Land unter seinen beiden Söhnen aufzuteilen, wie es bei den Franken üblich war. Das geschah auch zunächst, stellte sich aber bald als unnötig heraus, da Karls Bruder Karlmann nur drei Jahre nach dem Tod Pippins (768) sowieso tot war. Er starb 771, rein zufällig, just in dem Moment, da es sonst zum Krieg unter Brüdern um das väterliche Erbe gekommen wäre. Die Witwe des Bruders packte sofort ihre Sachen und ihre Kinder und reiste eilig zu König Desiderius ins Langobardenreich. Wir nehmen zu Karls Gunsten an, daß die Reise schon lange geplant war und nichts mit Karlmanns Tod zu tun hatte.

Was wohl tatsächlich seit längerem geplant war, das führte Karl nun aus: Er packte seine Sachen und seine Truppen und ging ebenfalls die Langobarden besuchen. Er marschierte auf die Hauptstadt Pavia, belagerte und plünderte sie, kerkerte den König mit Frau und Tochter in einem Kloster ein, trieb die restliche Familie nach Konstantinopel, setzte sich die schöne langobardische Krone auf und verleibte das Land seinem Frankenreich ein (774). Irgendwo unterwegs traf er – wieder rein zufällig – auf die Witwe und die Kinder seines Bruders, die seither verschwunden blieben. Anschließend schaute er auf einen Überraschungsbesuch beim Papst in Rom vorbei. Hadrian I., der direkte Vorgänger von Leo III., empfing ihn feierlich, segnete die lombardischen Massaker nachträglich ab und führte den gerührten Großkönig durch die imposante Kulisse ehemaliger römischer Herrlichkeit. Bei dieser Gelegenheit empfing Karl vermutlich den göttlichen Auftrag, nach dem Probelauf mit den Langobarden nun auch zehntausende von Sachsen zu töten, ihre unchristlichen Heiligtümer zu verbrennen, ihre Kinder zu guten Christenmenschen umzuerziehen – zu ihrem eigenen Seelenheil, versteht sich.

Als Karl 25 Jahre später wieder in Rom einmarschierte, war die Zeit endlich reif, den Vertrag abzuschließen, der sich seit einem halben Jahrhundert angebahnt hatte. Die Sachsen waren unterworfen, seinen Vertragspartner Leo III. hatte er im Gepäck, und die römische Kirche hatte sich ein Dokument besorgt, das alles bestätigte, wovon die Bischöfe schon immer geträumt hatten: Irgendwann zwischen 750 und 800 war die "Konstantinische Schenkung" aufgetaucht, ein Schriftstück Kaiser Konstantins I. (306 - 337), mit dem er dem Papst den Westteil des römischen Reiches vermacht hatte. Der Lateranpalast als Amtssitz, die Herrschaft über Rom, die höchste Autorität über alle christlichen Kirchen und der Landbesitz an ganz Italien wurde dem römischen Bischof zugesprochen. Der Kaiser selbst wolle seinen Sitz nach Konstantinopel verlegen. Die entsprechende Urkunde übergab Konstantin im Jahr 317 dem damaligen Papst Silvester I. Von ihm habe sich der Kaiser nämlich taufen lassen, nachdem Gott ihn durch Krankheit und Heilung hatte erkennen lassen, wie falsch die bisherige Poltik der Christenverfolgung gewesen sei. Die Schenkung wäre demnach als Ausdruck der Reue und auch des Dankes für die erlösende Taufe zu verstehen.

Eigentlich alles zu schön, um wahr zu sein, aber genau das Richtige, um der wackeligen Legitimation des „Pontifex“ ein solides Fundament zu verschaffen. Und eigentlich, könnte man meinen, hätte der Papst den Frankenkönig damit kaum mehr gebraucht, wären da nur nicht die Scherereien mit den aufsässigen Römern gewesen. Doch gut, daß Karl den Bischof Leo nach Rom begleitet hatte. Der König verurteilte, kraft seiner mitgereisten Truppen, die Feinde Leos kurzerhand zum Tode. Der Bischof bewies durch einen Selbstreinigungsschwur, daß er unschuldig, daß alle Vorwürfe gegen ihn unbegründet waren. Solchermaßen gereinigt, setzte Karl ihn wieder auf den Papstthron. Das verschaffte ihm wiederum, dem Erben Kaiser Konstantins, die Autorität, nun seinerseits den Frankenkönig zum römischen Kaiser zu ernennen. Eine Hand wäscht die andere, und Leo hoffte wohl auch, Karls Soldaten würden ihm und seinen Nachfolgern dazu verhelfen, den päpstlichen „Anspruch“ auf die Herrschaft über Italien dann auch in die Wirklichkeit umzusetzen.

Wir wissen heute, was schon die ottonischen Kaiser im 10. Jahrhundert ahnten: Nichts an der „Konstantinischen Schenkung“ war echt. Papst Silvester I. starb im Jahr 335, Konstantin erst 337, und wenn der Kaiser sich überhaupt taufen ließ, was historisch zweifelhaft ist, dann geschah das, selbst der Legende nach, die seine Taufe behauptet, erst auf dem Sterbebett und durch einen arianischen Bischof. Anhand sprachlicher Studien am Latein des Dokuments und der Tatsache, daß eine Stadt "Constantinopolis", in die sich Konstantin hätte zurückziehen wollen, um 315/17 noch gar nicht existierte, konnten zwei Humanisten bereits im 15. Jahrhundert beweisen, daß die gesamte Urkunde eine reine Fälschung war.



Abbildung: Christ­li­che Lie­be: Ver­bren­nung des Pra­ger Uni­ver­si­täts­rek­tors und Refor­ma­tors Jo­han­nes (Jan) Hus auf dem Kon­stan­zer Kon­zil (1415)   Zeichnung aus dem 15. Jh.

Was wir hier gesehen haben, war gewissermaßen der Übergang von der Antike zum Mittelalter. Zwei Männer, die sich gegenseitig machtpolitisch stützten und „rechtlich“ legitimierten, schlossen die Spätantike ab, die kaiserlose Zeit seit 476, und begründeten das christliche Mittelalter. Daß es ein „finsteres“ Mittelalter werden würde, dafür sorgte die neue, wahrhaft unheilige, korrupte Allianz aus Gott, seinem Stellvertreter und ihrem kaiserlichen Vollstrecker. Der Papst hatte durch seinen Partner endlich weltliche Zwangsmittel, mächtige Anhänger hinter sich, mit denen er den orthdoxen Rivalen in „Ostrom“ überflügeln konnte. Er hatte nun freie Bahn, die katholischen „Wahrheiten“ durchzusetzen – daß die Erde eine Scheibe ist, daß die Sonne sich um sie dreht, daß es außer dem rachsüchtigen schizophrenen Gott auch noch einen Teufel gibt, und daß der Mensch von Geburt an ein wertloser, sündiger Wurm ist, der jederzeit damit rechnen muß, in der Hölle zu brennen. Für die Feinde dieser Wahrheiten – Astronomen, Philosophen, Heiden, Ketzer, Juden, Hexen – hielt der Papst schon im Diesseits die Hölle auf Erden bereit.

Karl, der nächstenliebende Schwager und Onkel, war nun Imperator, Kaiser (abgeleitet von „Caesar“), das heißt, er durfte sich über sämtliche anderen Könige, Herzöge und Stammesführer erhoben fühlen. Er war mit dem göttlichen Auftrag gesegnet, sie alle zu seinen Untertanen zu machen, ihre Länder an sich zu reißen, um sie ihnen dann, wenn sie ihn denn gottgefällig dünkten, als Leihgabe zu „Lehen“ zu überlassen. Er konnte das frisch angeeignete Land aber auch einem anderen „leihen“. Und wenn so ein Belehnter sich undankbar zeigte, etwa dem Lehnsherrn die militärische Gefolgschaft verweigerte, konnte das Lehen auch wieder entzogen werden. Die Schiebereien Karls I. und Papst Leos III. waren der Gründungsakt einer neuen Ordnung, die weiter „römisch“ genannt, aber vom germanischen Gefolgschaftswesen und dem bösartigen, niederdrückenden Menschenbild der christlichen Ideologie geprägt war. Die Vermischung dieser Strömungen ergab den Feudalismus, der bald nach Karl d.Gr. in voller Blüte stand. Überall, wo christlicher Zwangsbeglückungswahn „heidnische“ Kulturen niederwalzte, machte sich das gottgewollte System von Versklavung, Unterdrückung und Ausbeutung breit. Nun galt, was der heilige Petrus angeordnet hatte: „Ihr Sklaven, ordnet euch in aller Furcht den Herren unter, nicht allein den gütigen und freundlichen, sondern auch den zornigen.“ (1. Petrus 2,18)

In Karl, dem Familienmenschen, hat das christliche Europa einen „Vater“, dessen sich der Kontinent immer wieder in besonderer Weise würdig erweisen sollte. Deshalb gibt es nach seinem Vorbild seit 1950 den Aachener Karlspreis, mit dem verdiente Europäer ausgezeichnet werden, zum Beispiel US-Präsident Clinton, der reaktionäre Papst Johannes Paul II., der Geldkofferträger Wolfgang Schäuble, die Euro-Währung, das Volk von Luxemburg, der entgleiste SPD-Zugführer Martin Schulz und fast alle CDU-Bundeskanzler, darunter auch die Geißel der jüngsten Geschichte, Angela Merkel. Ganz sicher verdient gehabt hätte ihn auch der selbsternannte „Kaiser“ Napoleon, die Geißel Europas vor gut 200 Jahren. Und natürlich Napoleons – und Karls – Nacheiferer Adolf Hitler, doch der starb fünf Jahre zu früh, als daß man seine Leistungen, die er in bester Karl'scher Manier erbracht hatte, noch mit dem Karlpreis hätte auszeichnen können. Josef Stalin hätte man noch lebendig bedenken können, denn auch dieser Eroberer wäre ein würdiger Träger des Karlspreises gewesen. Aber den überging man seltsamerweise.

Die letzten Worte möchte ich dem fabelhaften Werk von Rolf Bergmeier überlassen, das ich oben schon einmal erwähnt habe, „Schatten über Europa“ (Aschaffenburg 2012, 3. Aufl. 2017, S. 249):

Diese Jahre des frühen Mittelalters sind nicht „finster“, weil die Menschen jedes Gefühl für Menschlichkeit, Kultur und warme Sinnlichkeit verloren oder gesellschaftlich allgemein akzeptierte Überzeugungen und Verhaltensweisen die Trübsal erzwungen hätten. Die Jahrhunderte sind finster, weil Fundamentalisten und ideologisierte Herrscher das Denken über Gott radikalisieren und einen unerbittlichen Krieg gegen alle Religionen, Kulturen und Menschen führen, die eine andere Meinung zu äußern wagen (sic: heute noch! - Anm. des Autors). Die „Finsternis“ ist kein Schicksal, sondern Folge. So sieht es der Historiker, und so sieht es Friedrich Nietzsche, der als Philosoph und Philologe einen tiefen Einblick in die Kulturgeschichte der Menschheit erwirbt: „Ich verurteile das Christentum, ich erhebe gegen die christliche Kirche die furchtbarste aller Anklagen, die je ein Ankläger in den Mund genommen hat. [...] Sie hat aus jedem Wert einen Unwert, aus jeder Wahrheit eine Lüge, aus jeder Rechtschaffenheit eine Seelen-Niedertracht gemacht. [...] Ich heiße das Christentum den einen großen Fluch, die eine große innerlichste Verdorbenheit, den einen großen Instinkt der Rache, dem kein Mittel giftig, heimlich, unterirdisch, klein genug ist – ich heiße es den einen unsterblichen Schandfleck der Menschheit.“

B.G. Niebuhr

 


Datum: 05.2022